Vorlesegeschichten

Waschbärenwäsche

Wanda Waschbär wäscht für ihr Leben gerne. Alle Tiere des Waldes kommen zu ihr, wenn sie ihr Fell gründlich gereinigt haben wollen. Auch heute stehen die Waldbewohner Schlange vor Wanda Waschbärs Waschsalon am Flussufer.
Eichhörnchen, Fuchs, Wildschwein und Dachs geben Wanda ihr Fell zum Waschen, damit es schön sauber ist, wenn sie es bis zum nächsten Frühjahr wegpacken und in ihr Winterfell schlüpfen.
„Danke“, sagt Wanda. „Heute Mittag könnt ihr die Felle wieder abholen.“
Kaum sind die Tiere fort, macht sich Wanda eifrig ans Waschen. Alle Felle wäscht sie blitzeblank. Da stehen Dachs, Fuchs, Wildschwein und Eichhörnchen auch schon wieder vor ihr. Wanda gibt ihnen ihre Felle zurück. Aber ach, was ist das?
„Das ist ja viel zu groß“, sagt das Eichhörnchen.
„Das ist ja viel zu klein“, sagt der Fuchs.
„Hast du etwa meinen schönen weißen Streifen rausgewaschen? Das Fell ist ja ganz schwarz!“, grummelt der Dachs.
„Iiih, in meinem herrlich dunklen Fell sind große weiße Flecken drin“, grunzt das Wildschwein.
„Ach herrjeh!“, sagt Wanda. „Das ist mir noch nie passiert.“
Angelockt vom Lärm kommt Reh Regina angelaufen. „Was ist denn hier los? Feiert ihr ein Kostümfest?“, fragt sie.
„Wir feiern doch kein Kostümfest!“, erwidert der Dachs.
„Wieso Kostümfest?“, fragt das Eichhörnchen.
„Na, weil ihr eure Felle untereinander ausgetauscht habt. Das Eichhörnchen trägt das Fell vom Fuchs und der Fuchs hat den Pelz vom Eichhörnchen über die Pfote gestreift. Der Dacks steckt im Wildschweinfell und das Wildschwein hat den Dachspelz an.“
„Ach so!“, ruft Wanda erleichtert aus. „Dann sind mir nach dem Waschen bloß die Felle durcheinandergekommen.“
Rasch tauschen die Tiere die Felle untereinander wieder aus.
„Prima! Jetzt passt es perfekt“, rufen Eichhörnchen und Fuchs gleichzeitig.
„Da ist er ja, mein weißer Streifen“, freut sich der Dachs.
„Juchhu, mein Fell ist fleckenlos schwarz, gerade richtig, um im Matsch zu wühlen“, ruft das Wildschwein.
„Ja, und danach kannst du mir dein Fell gleich wieder zum waschen bringen“, lacht Wanda, froh darüber, dass nun alle wieder zufrieden sind.
erschienen in „365 Gute-Nacht-Geschichten“
© 2008 Helmut Lingen Verlag GmbH & Co. KG

Tommy zählt Schäfchen
Jeden Abend im Bett stellt sich Tommy vor, wie zehn Schafe hintereinander über einen Zaun springen.
Tommy zählt: „Ein Schaf, zwei Schafe, drei Schafe …“ Doch als er gerade „vier Schafe“ sagen will, hört er eine Stimme.
„He du, da“, sagt die Stimme.„Musst du eigentlich jeden Abend Schafe zählen?“
Verwundert schaut sich Tommy im Zimmer um.
„Hier bin ich, Schaf Nummer Vier, und ich sitze auf deiner Bettdecke.“
Tatsächlich. Auf Tommys Bettdecke sitzt ein kleines, weißes, wolliges Schaf.
„Ich möchte abends auch schlafen und nicht über Zäune springen“, sagt es.
Tommy schaut verdutzt. „Ja, aber wie soll ich denn einschlafen, wenn ich keine Schafe zähle?“
„Oh Mann“, antwortet Nummer Vier. „Zähl halt etwas anderes. Jedes Schaf hat ein Recht auf Schlaf.“
„Also gut“, sagt Tommy. „Ich kann’s ja mal probieren.“ Und er überlegt, was er stattdessen zählen könnte. Seine Lieblingstiere sind Elefanten. „Ein Elefant…“, zählt Tommy. „Trööt!“,macht der Fantasie-Elefant und poltert durchs Zimmer.
„Zwei Elefanten…“ Der zweite Elefant stapft trompetend hinter dem ersten her.
„Schaf Nummer Vier, die Elefanten sind viel zu laut. Wie soll ich denn dabei einschlafen?“
„Herrje“, sagt das Schaf.„Dann zähl doch einfach Schnecken. Die sind ganz leise.“
Und Tommy zählt: „Eine Schnecke…“. Dann sagt er lange, lange gar nichts.
Das Schaf schaut ihn verwundert an. „He, warum zählst Du nicht weiter?“
„Geht nicht“, antwortet Tommy. „Die Schnecken sind so langsam. Die zweite ist noch nicht in Sicht. Das ist doof, ich möchte viel lieber Schafe zählen.“
„Ich möchte aber schlafen“,sagt das Schaf. „Und meine Freunde auch.“ Die Schafe Eins, Zwei und Drei auf Tommys Bett nicken heftig.
„Also, was machen wir jetzt?“, meint Schaf Nummer Zwei.
Tommy überlegt, und überlegt, und überlegt. Vor lauter Nachdenken runzelt er die Stirn. Die Schafe kauen derweil ungeduldig auf der Bettdecke herum.
Schließlich ruft Tommy: „Ich hab’s! Ich zähle einfach schlafende Schafe. Dann könnt ihr schlafen und ich kann zählen.“
„Gute Idee!“, sagt Schaf Nummer Vier und macht es sich auf der Bettdecke gemütlich.
„He, du bist noch nicht dran“, ruft Schaf Nummer Eins. „Los, Tommy, fang an.“
„Ein schlafendes Schaf“,zählt Tommy und Schaf Eins legt sich zufrieden hin.
„Zwei schlafende Schafe.“Schaf Zwei schnarcht selig auf der Bettdecke.
„Drei schlafende Schafe.“Schaf Drei schließt die Augen.
„Gute Nacht, Nummer Vier“,gähnt Tommy.
„Gute Nacht“, antwortet das Schaf und kuschelt sich in Tommys Arm.

aus „Unser Sandmännchen – 365 Gute-Nacht-Geschichten“erschienen im Helmut Lingen Verlag, Köln 2008
© 2008 MDR, rbb und TELEPOOL GmbHDas PicknickDie Sonne lachte strahlend vom Himmel. Zufrieden schaute sich Max auf der Wiese um. „Da drüben unter dem Baum ist ein guter Platz“, sagte er zu seiner Freundin Sabine.
„Ja“, antwortete Sabine. „Ich hätte jetzt große Lust auf ein Stück Erdbeerkuchen.“
„Dann lass uns picknicken“, sagte Max munter.
Einige Schritte von ihnen entfernt spielte eine Familie Fußball. Vater, Mutter und zwei Kinder. Doch Max kümmerte sich nicht darum und ließ sich auf der Decke nieder. Sabine machte es sich neben ihm bequem. „Es gibt leckeren Erdbeerkuchen und Kekse haben wir hier auch!“, sagte Max.
Sabine biss herzhaft in ein Stück Kuchen. „Hm, lecker! So ein Picknick ist doch wirklich mal was ganz anderes.“
„Ja, nicht wahr?“, antwortete Max und knabberte an einem Keks. Da hörte er plötzlich eine Stimme.
„Ich hole mir mal was zu trinken“, rief der Junge, der eben noch Fußball gespielt hatte, und rannte direkt auf Max und Sabine zu. Jetzt griff er nach der Wasserflasche, die auf der Decke vor den beiden stand. Sabine wurde ganz flatterig und rutschte aufgeregt hin und her.
„Ganz ruhig“, flüsterte Max. „Es wird schon nichts passieren. Er ist gleich wieder weg.“ Und um Sabine zu zeigen, dass sie keine Angst haben müsse, biss er herzhaft in den Erdbeerkuchen.
„Ih, eine Wespe! Da auf dem Erdbeerkuchen“, schrie der Junge und schlug wild um sich. Der Schlag traf Max völlig unvorbereitet. Torkelnd flog er ins Gras. Sabine schaffte es gerade noch, Max hochzureißen, bevor der drohend über ihm schwebende Schuh ihn unter sich begrub.
„Sabine, du hast mir das Leben gerettet!“, rief Max. „Hattest du denn gar keine Angst vor dem Mini-Menschen?“ „Schon, aber ich konnte dich doch nicht einfach von diesem Schuh platt walzen lassen. Und außerdem… Wespe, ph! Wo du doch eine solch stattliche Biene bist“, brummte Sabine. „Komm, lass uns ein Eis essen.“
Glücklich nebeneinander hersummend flogen Max und Sabine dem Eisstand entgegen.