Erinnerungen an die Märchenwald-Phase

Mein Sohn kommt jetzt allmählich in die Pubertät. Das macht längere Gespräche zunehmend etwas schwieriger. Man bekommt das Gefühl, je älter das Kind, desto knapper die Antwort. Ein- bis viersilbige Antworten auf Fragen sind an der Tagesordnung. Die Auswahl ist beschränkt: „Weiß nicht“, „Gut“, „nichts“, „wimmer“ und „ist doch egal“ kommen am häufigsten vor. Man stelle sich einen angenervten Ton und ein angewidertes Gesicht beim Sprechen vor. Ja, Pubertät ist die Zeit, in der die Eltern schwierig werden ;-).

Wie war’s in der Schule?, frage ich. Die Antwort lautet wahlweise gut oder wimmer (ein schnell zusammengezogenes wie immer). Hast du Hausaufgaben auf?, lautet meine nächste Frage. Die Antwort kannst Du Dir oben aussuchen. Meist kommt ein „weiß nicht“ raus. Und ich seufze. Hatten wir das nicht alles schon mal so ähnlich? Also kurze, knappe, teilweise nuschelige Ein-bis-zwei-Wort-Sätze und Motzanfälle aus heiterem Himmel?

Die Erinnerung an unsere sogenannte Märchenwald-Phase, in der uns öfter ein Rumpelstilzchen besuchte, steigt in mir auf.  In Elternkreisen wird diese Phase auch Trotzphase genannt. Mein Sohn beherrschte damals die gesamte Trotzpalette. Angefangen von „ich mache sowieso was ich will, egal was du sagst“, wobei er mich treuherzig grinsend anschaute, dann langsam das Glas umdrehte und zuschaute, wie die Milch von der Tischkante tropfte. Bis hin zu den bühnenreifen „Großanfällen“ vor Publikum, vorzugsweise im Supermarkt, bei denen sein Gesicht rot anlief und er sich strampelnd und schreiend auf den Boden warf. Könnte ja sein, dass die Mama ihm dann doch das heiß geliebte Überraschungsei gibt, weil sie sonst vor heißer Scham ein Loch in den Boden brennt, um darin zu versinken.

Begleitet wurden solche Szenen mitunter von den meist nicht sehr hilfreichen Kommentaren der anderen Supermarktbesucher: „So eine Rabenmutter, gönnt ihrem Kind nicht einmal ein Stück Schokolade.“ Oder: „Tja, das kommt davon, wenn Eltern keine Grenzen setzen.“ Auch schon gehört: „Die Kinder heutzutage, so was von schlecht erzogen.“ Und: „Geben Sie dem Kleinen ein Stück Wurst, dann beruhigt er sich schon wieder.“ Im Erziehungsratgeber las ich für solche Fälle: „Einfach ignorieren.“ Wobei ich mich fragte, wen oder was ich ignorieren soll: blöde Kommentare, mein Kind, beides?

Egal, wie man es macht, als Mutter scheint man es immer falsch zu machen. Also mache ich, was mein Herz und mein Instinkt mir raten und meine momentane nervliche und örtliche Situation mir erlaubt. Damals habe ich es mit Ablenken versucht. Ehrlich, das Rezitieren von Kinderreimen mit übertriebener Betonung und das schieftönige Singen von Kinderliedern ist hervorragend geeignet, um sowohl beim Kind als auch anderen Supermarktbesuchern Verwirrung und damit erst mal Funkstille zu bewirken. Manchmal half aber alles nichts und ich musste ein strampelndes Bündel Kind, das so glitschig war wie ein Aal, unter mitleidigen und gelegentlich auch schadenfrohen Blicken Anderer vom Boden klauben und wegtragen.

Ich schüttele den Kopf. Nee, die Trotzphase war auch nicht einfacher als die Pubertät. Die brauch ich definitiv nicht noch mal zurück. Außerdem würde ich es heute auch nicht mehr so leicht schaffen, das Kind wegzuschleppen und zum Glück wirft es sich ja auch nicht mehr auf den Boden. Da knallt dann schon eher mal eine Tür ;-). Daher setze ich heute auf Essen und Gelassenheit statt auf Ablenken, wenn die Motzphase mal wieder volle Kanne zuschlägt, und hoffe insgeheim, damit den Gehirnumbau  zu beschleunigen. Bekanntlich geht Liebe ja auch durch den Magen.

Eines wusste ich damals wie heute jedoch mit Sicherheit: So ein Wutanfall – oder im heutigen Fall – Motz-Einsilbanfall – ist nicht persönlich gemeint. Er geht meist so schnell vorbei, wie er gekommen ist. Dann grinst mich mein Sohn mit seinem Strahlesonnelächeln an und meint: „Ich hab dich ganz doll lieb, Mama.“

Für Tipps, wie man die Pubertät als Eltern gelassen übersteht, fand ich übrigens die Website von Elternwissen ganz hilfreich.