Erklärtalent ausbaufähig oder die Sache mit dem Regenschirm

Heute ist Throwback-Thursday und ich hab mal wieder in meinen Erinnerungen gekramt. Dabei fiel mir ein Gespräch mit meiner damals zehnjährigen Tochter ein. Kein rühmliches Beispiel für mein Erklärtalent.

„Mama, habe ich einen Anwalt?“, fragte sie.

Entgeistert schaute ich sie an. „Einen Anwalt? Wieso willst Du das wissen?“

„Och, nur so.“, antwortete sie ausweichend.

„Also einen Anwalt hast Du nicht.“, sagte ich zögernd.

„Und Du?“, fragte sie.

„Na, ich auch nicht.“

„Ja, und der Papa?“

„Nein, der Papa auch nicht. Was soll denn die Fragerei?“

Doch Töchterchen fuhr ungerührt fort.

„Warum habt ihr keinen Anwalt?“

„Weil wir bisher zum Glück noch keinen gebraucht haben.“

Wenn ich nun geglaubt hatte, diese Antwort würde ihren Wissensdurst stillen, hatte ich mich getäuscht. Schon ging’s weiter: „Wozu braucht man einen Anwalt?“

„Na ja, einen Anwalt braucht man, wenn man etwas angestellt hat oder wenn man einen Rat zu irgendwelchen Gesetzen braucht.“

„Aber Du brauchst doch manchmal einen Rat. Also, müsstest Du doch auch einen Anwalt haben.“

Puh, man könnte meinen, irgendwann seien sie aus diesem Endlos-fragen-Alter raus, aber unsere Tochter schaffte es auch mit zehn immer noch, in dieser Disziplin zu Höchstform aufzulaufen. Ich habe eben argumentierfreudige Kinder. Zum Glück.

„Los, Mama, sag schon. Warum hast Du keinen Anwalt?“

„Also, einen Anwalt hat man doch nicht wie ein Auto. Den sucht man sich, wenn man ihn braucht. Je nachdem, welche Hilfe man benötigt, ist nämlich auch immer ein anderer Anwalt zuständig.“

„Häh?“ (Hessisches Fragewort für „Wie bitte?“)

„Naja, das ist so wie in der Schule. Da hast du doch auch Mathe und Deutsch bei anderen Lehrern.“

„Ja, aber erst seit ich in der 5. Klasse bin. In der Grundschule hatten wir das bei der selben Lehrerin.“

Mist, da war ich ja jetzt reingefallen. Das hatte ich nicht bedacht. Hätte ich mal besser Mathe und Bio genommen. Egal, zu spät. Also, wie sollte ich aus dieser Nummer wieder herauskommen? „Na gut. Da hattest du das bei der selben Lehrerin, weil die sich darauf spezialisiert hat. Genauso spezialisiert sich ein Anwalt auf ein bestimmtes Gebiet. Also zum Beispiel auf Autounfälle oder auf Steuern.“

„Was heißt spezialisiert?“ Oh Mann, da geriet ich ja von einer Fragenfalle in die nächste. Hörte das denn nie auf. „Spezialisiert heißt, wenn man eine Sache, die man besonders gut kann oder in der man sich besonders gut auskennt als Beruf macht.“

„Ach so. Danke, Mama, jetzt weiß ich Bescheid.“ Und schon war sie auf dem Weg aus der Küche.

„Halt stopp mal. Wieso wolltest Du denn das mit dem Anwalt wissen?“

„Na ja, in der Schule, da hab ich mich mit Pia gestritten. Die ist nämlich auf meinen Regenschirm gefallen und hat ihn kaputt gemacht. Und ich wollte, dass sie mir einen neuen kauft. Aber da hat sie nur gesagt, ich hätte ihr gar nichts zu sagen. Und überhaupt könne ihr gar nichts passieren, denn sie hätte ja einen Anwalt, weil das der Beruf von ihrem Papa ist. Aber jetzt kann ich ihr ja sagen, wenn sich ihr Papa nicht auf Regenschirme spezialisiert hat, dann hätte sie nicht den richtigen Anwalt und muss mir den Schirm bezahlen.“

Und fröhlich lief meine Tochter in ihr Zimmer. Ich dagegen fiel seufzend auf einen Stuhl. An meinem Erklärtalent musste ich wohl noch etwas arbeiten.