Die Ehre des Ritters – ein Blick hinter die Kulissen einer Romanübersetzung

Wieder einmal habe ich eine Romanübersetzung abschließen können. Inzwischen ist der Roman „Die Ehre des Ritters“ von Tina St. John, den ich übersetzen durfte, bei Egmont-Lyx erschienen.
Die Geschichte hat mich ins tiefste Mittelalter geführt, in die Zeit der Kreuzzüge. Es geht darin um Isabel de Lamere, die auf dem Weg zu ihrem Verlobten von dem Ritter Griffin of Droghallow entführt wird. Die beiden kennen sich aus ihrer Kindheit, doch sie sind sich seitdem nicht mehr begegnet, weshalb Griffin Isabel zunächst auch nicht erkennt. Sein Stiefbruder, in dessen Auftrag er Isabel entführen sollte, betrügt ihn jedoch um seinen Lohn, weshalb Griffin mit Isabel flieht, um sie zu ihrem Verlobten zu bringen. Bald schon stellt er jedoch fest, dass er sich in sie verliebt hat, doch wie gesagt ist sie ja einem anderen versprochen. Zudem sind ihnen die Häscher seines Stiefbruders dicht auf den Fersen und die Reise nach Montborne wird zu einer Reise, in der ihr beider Leben unvermittelt auf dem Spiel steht.

Tina St. Johns Romane glänzen vor allem durch einen handlungsreichen Plot, detailreiche und detailgetreue Schilderungen und spritzige Dialoge. Sehr einfühlsam zeichnet sie die Nöte und Beweggründe ihrer Helden auf und schafft so überzeugende Charaktere. Ihr gelingt es, Atmosphäre zu schaffen und die wachsende Liebe der Protagonisten erlebbar zu machen. Man fühlt sich förmlich in die Romanwelt hineingezogen.

Genau das ist auch die große Herausforderung bei einer Romanübersetzung: eine Atmosphäre zu schaffen, die ebenso mitreißend, spannend und gefühlvoll ist wie das Original.
Tina St. John flicht außerdem die geschichtlichen Ereignisse der Zeit gekonnt in ihre Erzählungen ein. Und wenn man etwas übersetzen will, sollte man daher genauso gut informiert sein wie der Autor oder die Autorin, deren Werk man übersetzen darf. Wenn nicht gar noch besser, um eventuelle Flüchtigkeitsfehler, die sich bei der Arbeit einschleichen können, zu entdecken.
Da mein Wissen über das Mittelalter allerdings ein wenig eingerostet und durch Robin-Hood-Filme romantisiert war, galt es nun, dieses wieder aufzufrischen, damit ich einen Surcot nicht mit einer Cotte verwechsle und ein Breitschwert nicht mit einem Langschwert ;-).
Gut, könnte man meinen, diese Begriffe sind doch durch das Original festgelegt. Das schon, aber es gibt durchaus Abweichungen und „falsche Freunde“, die einem schon einmal in die Irre leiten können. Allein für das Wort „demesne“ gibt es mehrere mögliche Deutungen im Deutschen. Ist es nun ein Krongut, ein Landgut, eine Domäne, ein Lehen?
Tja, hängt ganz davon ab ;-).
Um nicht unbewusst Fehler in die Übersetzung einzubauen, musste ich also ausführlich recherchieren. Dazu habe ich mir bergeweise Geschichtsbücher aus der Bibliothek geholt und auch fleißig das Internet bemüht, um mein Wissen über Sitten, Gebräuche, Lehnswesen und vor allem mein Wissen über die Machtkämpfe der damaligen Zeit und Prinz John Lackland aufzufrischen. Natürlich half mir dabei auch meine Vorliebe für Mittelalterfeste, die regelmäßig auf Burgen im Umkreis stattfinden. Dort konnte ich dann das mittelalterliche Leben quasi „in natura“ erleben.
Das alles hat mir einen Riesenspaß gemacht und ich habe wieder viel bei dieser Übersetzung gelernt.

Eine besondere Herausforderung stellen auch immer die Liebesszenen dar. Denn auch hier gilt es natürlich, die romantische Atmosphäre, die die Autorin im Original geschaffen hat, in der Übersetzung aufrechtzuerhalten, ohne in Klischees abzudriften oder kitschig zu wirken. Damit sich der Text nicht klinisch wie eine Gebrauchsanleitung liest, muss man daher manchmal recht frei übersetzen sowie andere Bilder und Metaphern suchen, um eine romantische Stimmung beim Lesen zu erzielen.
Auch hier bastele ich meistens mehrere Stunden an wenigen Zeilen. Doch genau das sind die Herausforderungen, die ich an meinem Beruf liebe.  Es ist ein herrliches Gefühl, lange an einem Satz, einer Alliteration, einem Wortspiel, einer Metapher oder einer Anspielung gepuzzelt zu haben und mitten in der Nacht mit der perfekten Lösung aufzuwachen oder die perfekte Formulierung drei Tage später beim Fensterputzen zu finden. Es ist ein herrliches Gefühl, bei der 7. Überarbeitung des Textes festzustellen, dass die Übersetzung den Stil der Autorin getroffen hat und die Satzmelodien genauso flüssig und harmonisch klingen wie im Original.
Das tollste Gefühl überhaupt aber ist es, das gedruckte Buch in den Händen zu halten. Das wird nur noch von dem Gefühl übertroffen, positive Rezensionen zu lesen. Ich bin stolz darauf, dass ich meinen Teil dazu beitragen darf, dass mitreißende, unterhaltsame und spannende Geschichten von fantastischen Autoren und Autorinnen über ihre Landesgrenzen hinweg gelesen werden können.
Und ich freue mich schon genauso sehr auf meine nächste Romanübersetzung wie auf die Arbeit an meinem nächsten Kinderbuch. Denn für mich sind Bücher wie Tore zu anderen Welten, in denen man den Alltag eine Weile vergessen kann. Finden Sie nicht auch?