Lesefreude bei Lesemuffeln wecken – geht das?

Als der Blog Kinderbibliothek zu einer Themenwoche Leseförderung aufrief, war ich sofort Feuer und Flamme. Denn Leseförderung finde ich so unglaublich wichtig. Angeblich sind viele Jungs Lesemuffel. Sie lesen nicht so gern und oft wie Mädchen. Das belegen Studien und es gibt haufenweise Theorien, warum das so ist. Zum Beispiel, dass sie meist nur weibliche lesende Vorbilder hätten. Ich kenne allerdings viele Jungs, die gern und viel lesen. Sind das alles rühmliche Ausnahmen? Oder hat das Lesemuffelchen vielleicht nur einfach noch nicht das Buch gefunden, das seine Lesefreude weckt? Und wie kann man die überhaupt wecken?

Lesefreude fördern, bloß wie?

Als ehemalige Lesemuffelmutter (und bei uns wird nun wirklich viel und gern gelesen, an mangelndem Vorlesen konnte es daher nicht liegen ;-)) habe ich mir dazu natürlich auch so meine Gedanken gemacht. Denn plötzlich war sie da – die Lesemuffelphase. Aus meinem begeisterten Lesekind wurde ein Leseverweigerer. „Ich hab doch schon in der Schule gelesen“, bekam ich zur Antwort, wenn ich ein Buch vorschlag. Öhm, ja … Ich konnte mein Kind unter der Woche nicht mehr dazu bewegen, ein Buch in die Hand zu nehmen. Am Wochenende sah das dann schon anders aus. Ich schöpfte Hoffnung und hab vieles ausprobiert. Meine 10 Tipps folgen gleich.

Zunächst aber: Warum sollte man das Lesen fördern?

Klar ist, wer gut lesen kann, (macht weniger Rechtschreibfehler), hat also vermutlich auch bessere Deutschnoten. (Edit zur Klammer: Zugegeben, das ist mein Wunschdenken, denn ein wissenschaftlicher Zusammenhang zwischen Leseleistung und Rechtschreibkompetenz ist bisher nicht nachgewiesen. Danke für den Hinweis!). Doch nicht nur das. Es ist erwiesen und durch Studien von z.B. der Stiftung Lesen belegt, dass Vorlesen und Lesen die Kreativität fördert, die Merkfähigkeit und Konzentration schult und dazu beiträgt, dass Zusammenhänge schneller erfasst werden können. Das wirkt sich natürlich insgesamt positiv auf die Zensuren und auch die Zukunftschancen aus.  Was macht man aber, wenn man ein Muffelchen zu Hause hat, egal ob Mädchen oder Junge, für das jedes Wort eine Qual ist, das vielleicht noch nicht gelernt hat, beim Lesen Bilder im Kopf entstehen zu lassen oder schlicht die Sprache nicht gut genug versteht. Ein Kind, dass sich Mühe gibt und trotzdem nur Misserfolge erntet, wird schnell der Lesespaß verleidet.

Und wie fördert man das Lesen?

Bei Leseförderung denkt man oft automatisch, dass anspruchsvolle Romane ausgewählt werden sollen, oder zumindest Bücher, die eine gewisse Qualität haben. Da fallen einem natürlich zuerst die Klassiker der Kinderliteratur ein. Und auch ich habe die gern gelesen und lese sie auch mit meinen Kindern immer wieder gern. Schon, weil bei „Gebrüder Löwenherz“ oder auch „Die unendliche Geschichte“ Erinnerungen an meine eigene Kindheit wachwerden. Und trotzdem: Wenn man nun einen Lesemuffel zu Hause sitzen hat, dann können diese Klassiker schon ganz schön schlauchen. Zum einen von der Länge, zum anderen vom Anspruch und zuweilen auch von der Sprache. Für Lesemuffel ist ein Klassiker wie „Oliver Twist“ oder „Harry Potter“ vielleicht nicht die beste Wahl zur Leseförderung. Dann sollte man vielleicht mit etwas „Einfacherem“ anfangen.

Mein Tipp 1: Klein anfangen, ohne große Erwartungen

Kurze Vorlesebücher und Erstleser sind natürlich klasse zum Üben. Bei uns setzte die Muffelphase allerdings ein, als das Kind für Erstleser und die typischen Vorlesebücher schon zu alt war. Das war für Muffelchen „Babykram“. Ein „richtiges“ Kinderbuch erschien jedoch wie eine unüberwindbare Hürde. Mein Mittel der Wahl: Bücher in  leichter Sprache, aber auch und vor allem Comic-Romane. Uah, igitt, denken vielleicht manche. Das ist doch Schund,  das kann man dem Kind doch nicht antun. Doch, kann man und ich hab’s getan, um das Lesefreudeflämmchen wieder zu entfachen. Durch den hohen Bildanteil und die Ich-Perspektive sind Comic-Romane leicht zu lesen und das Kind hat ein schnelles Erfolgserlebnis. Stichwort: Motivation – ich kann mich noch gut erinnern, wie mein Sohn gesagt hat: „Mama, ich hab schon wieder einen Greg-Band durch“. Das Lesen der Greg-Bücher hat meinem Sohn gezeigt, dass er auch ein 200 Seiten dickes Buch „schaffen“ kann. Ob es jetzt ein Comic ist, der schnell ausgelesen ist, oder auch einen E-Reader, der den Fortschritt anzeigt, Hauptsache, das Kind hat ein Erfolgserlebnis, das zu weiteren Leseabenteuern anspornt.

Mein Tipp 2: Das Kind fragen, was es lesen mag

Christoph Brix, http://brisebuch.de/

Wenn mein Kind Ritter toll findet, Fußball aber öde, werde ich es mit den Wilden Kerlen leider nicht begeistern können, obwohl die Bücher Bestseller sind. Stichwort Lesefreude: Lesen soll Spaß machen. Denn was Spaß macht, macht man lieber und öfter. Und wenn man etwas öfter tut, wird man auch automatisch besser darin. Muss ich mich aber zu etwas zwingen, kann mir der Spaß schnell verleidet werden. Daher plädiere ich dafür, dass die Kinder ihre Bücher auch selbst (mit)auswählen dürfen. Denn Kinder haben oft einen ganz anderen Geschmack als die Eltern. Und das ist auch gut so :-). Und ich finde es erst mal egal, ob Comic, Sachbuch, Witzebuch oder Roman – Hauptsache, das Muffelchen liest, war mein Motto. Hier, wie bei allem, gilt wie ich finde, die Mischung macht’s. Und damit wären wir bei

Tipp 4: Ein breites Angebot anbieten

Das ist wie mit dem Essen. Um herauszufinden, was einem schmeckt, muss man erst mal alles kosten. Vielleicht mag das Kind ja lieber Sachbücher lesen als Romane. Natürlich schlage ich meinen Kindern auch immer wieder Klassiker vor, von denen ich selbst als Kind begeistert war. Aber auch Zeit für das sogenannte leichte „Lesefutter“ muss sein. Außerdem finde ich, dass eine gesunde Mischung an unterschiedlichen Stoffen und auch Qualitäten den Blick schärft. Man lernt dabei auch zu beurteilen,  was tatsächlich „Schrott“ ist und was nicht. Und ich habe die Erfahrung bei meinem Muffelchen gemacht, dass es inzwischen ganz von selbst auch gern zu „schwierigeren“ Stoffen greift.

Mein Tipp 5: Kein Buch „muss“ fertiggelesen werden

Das finde ich auch wichtig. Wenn ich ein Buch langweilig finde, lege ich es zur Seite. Genau dasselbe darf mein Kind. Bevor ich es jetzt durch ein Buch zwinge, das es nicht wirklich interessiert und damit womöglich das Lesefreudeflämmchen ersticke, lasse ich es lieber etwas anderes aussuchen. Zum Glück gibt es ja Bibliotheken, wo man Bücher ausleihen kann :-).

Mein Tipp 6: Erst ich ein Stück, dann Du

Und damit meine ich jetzt nicht unbedingt die Bücher, die unter diesem Slogan verkauft werden. Gemeinsam lesen macht einfach Spaß und  wenn Mama oder Papa mitlesen, kann man auch prima immer wieder das Gelesene besprechen und Fragen stellen, vielleicht sogar nachspielen, um das Vorstellungsvermögen zu trainieren. Was war gut und was nicht? Was gefiel dir am besten? Auf diese Weise kann man auch ganz leicht herausfinden, welche Bücher das Lesefreudeflämmchen eventuell noch weiter anfachen können. Auch toll sind CDs zum Buch. Man kann die CD abspielen und dazu das Buch leise mitlesen. Man kann sich ein Kapitel vorlesen lassen und eines selbst lesen. In einem älteren Beitrag hatte ich schon einmal ein paar Tipps zusammengefasst, wie Vorlesen zum Erfolg wird. Das Wichtigste: An einer spannenden Stelle aufhören,  damit man unbedingt wissen will, wie’s weitergeht :-).

Mein Tipp 7: Regelmäßige Lesezeiten

Der Mensch ist ein Gewohnheitstier. Und wenn Lesen immer zurselben Zeit stattfindet, so wie Zähneputzen und Sporttraining, fehlt einem plötzlich was, wenn man es einmal auslässt. ;-). Dabei ist es ganz egal, ob man  jetzt einmal in der Woche oder jeden Tag liest, finde ich. Hauptsache, man macht es sich schön gemütlich, ob abends im Bett vor dem Schlafengehen oder nachmittags auf dem Sofa.

Mein Tipp 8: Belohnung

Belohnung finde ich genauso wichtig wie Motivation. Und damit meine ich nicht, das Kind bekommt ein Stück Schokolade oder so was. In manchen Schulen gibt es das Programm „Antolin“. Ich war Muffelchens Lehrerin damals sehr dankbar, dass die Klasse daran teilgenommen hat. Denn auf Antolin kann man Punkte durch Beantworten von Quizfragen sammeln, und erhielt bei einer bestimmten Anzahl einmal Hausaufgabenfrei :-). Das fand Muffelchen natürlich toll :-). Ich bin dankbar für Lehrer, die Lesefreude ganz spielerisch fördern. Ob nun bei regelmäßigen Ausflügen in die Bücherei oder auch Einladungen von Autoren zu Lesungen. Denn durch den Austausch mit Bücherbegeisterten kann Lesefreude ganz leicht entfacht werden. Toll sind auch Vorlese- und Schreibwettbewerbe. Ja, genau Schreibwettbewerbe. Denn auch die fördern das Lesen. Schließlich muss man sich seinen eigenen Text ja nochmal durchlesen oder liest ihn anderen vor, bevor man ihn abgibt ;-). Weitere Tipps zur Belohnung: Urkunden fürs Kind, wie beim Sport,  wenn es wieder ein Buch fertiggelesen hat oder nach so und so viel gelesenen Seiten Etappensternchen verteilen, die ein kleines Heftchen füllen. Dir fällt da sicher was ein :-).

Mein Tipp 9: Lesepaten und Links zur Leseförderung

Wenn das Thema Lesen in der Familie schon für reichlich Stress gesorgt hat, dann können Lesepaten eventuell eine gute Lösung sein. Die ehrenamtlichen Helfer gibt es inzwischen an vielen Schulen. Vielleicht ja auch an Deiner. Oder vielleicht hast Du ja selbst Lust, Lesepate zu werden. Hier bei Lesepaten.net gibt’s weitere Infos. Oder auch bei den Lesepaten Hessen.

Falls Du einen Lesemuffel zu Hause hast, dann hilft Dir vielleicht die Liste von Boys & Books, mit vielen Buchempfehlungen aller Genres speziell für Jungs.

Weitere Tipps, wie man Kinder zum Lesen animieren kann, gibt die Seite Boys & Books

Die Stiftung Lesen habe ich oben schon erwähnt. Beim Bildungsserver erhält man viele Informationen zur Vorlesprojekten und Initiativen, ebenso wie beim Bundesverband Leseförderung.  Bei Losleser erhält man unter anderem Infos zur Leseförderung mit digitalen Medien und auch die Website Leseförderung fand ich sehr hilfreich.

Mein Tipp 10: Nicht aufgeben

Es gibt auch Phasen, da geht gar nix. Kennt man ja von sich selbst. Und wenn etwas zum Zwang wird, verleidet das den größten Spaß. Aber auch hier gilt, immer wieder anbieten, vielleicht in anderer Form. So wie mit Gemüse ;-). Geschmäcker ändern sich im Laufe der Zeit und irgendwann legt sich der Leseschalter dann wieder um.

Lesen macht Spaß, es bietet die Möglichkeit in andere Welten abzutauchen, einen Blick über den Tellerrand zu wagen, offen für Neues zu sein und man kann dabei neue Dinge lernen, seinen Wortschatz ausbauen und träumen. Lesen fördert Toleranz, Intelligenz und Kreativität. Das und das jedes Buch ein Abenteuer ist, möchte ich meinen Kindern und den Kindern, denen ich vorlesen darf, gern vermitteln.

Am Wichtigsten ist aber:

Nur wer selbst Spaß am Lesen hat, kann diesen Spaß auch vermitteln. Vielleicht muss daher die Leseförderung auch erst mal bei uns selbst anfangen :-).