Leseprobe Detective Invisible – Kommissar Unsichtbar

Nun ist es soweit. Im September erschien mein zweisprachiger Kinderkrimi „Detective Invisible – Kommissar Unsichtbar“ im Langenscheidt Verlag.
In der Geschichte geht es um Josy, die nicht schlecht staunt, als plötzlich ein Geist in dem alten Herrenhaus Penville Manor erscheint. Er entpuppt sich als der alte Meisterdetektiv Jonathan Smartypants, der auf der Suche nach einem gestohlenen Rubin ist. Erst wenn er sein Versprechen gehalten und auch diesen letzten Fall gelöst hat, kann er in den ewigen Ruhestand treten. Leider ist Jonathan als Geist nicht mehr ganz so geschickt wie zu Lebzeiten und bleibt immer wieder in Türen, Schränken und Schubladen stecken. Daher braucht er Unterstützung. Natürlich will Josy ihm helfen. Dabei geraten sie und ihr Freund Jared jedoch in große Gefahr …

Der Erzähltext ist in Deutsch, die Dialoge sind in Englisch geschrieben. Vokabellisten sorgen für ein schnelles Verständnis. Ich finde das Konzept prima, weil man so beim Lesen nebenbei auch noch seine Englischkenntnisse üben und vertiefen kann.
Wer vorab schon mal ins Buch hineinspitzen will – hier geht’s zur Leseprobe …
Gruß aus dem Jenseits

“Hallo, meine Lieben …”
Gebannt starrte Josy über den Schreibtisch hinweg auf den großen Fernseher, der ihre lächelnde Großtante Feodora zeigte. Die Testamentseröffnung war spannender, als sie gedacht hatte. Zu blöd nur, dass diese ausgerechnet in den Ferien stattfinden musste.
Statt sich in Italien am Strand die Sonne auf den Bauch scheinen zu lassen, saß sie deshalb an einem regnerischen Tag in Brighton in einem Anwaltsbüro, in dem es so dunkel war wie in einer Geisterbahn. Sie bemerkte, wie ihrer Mutter beim Anblick ihrer Tante eine Träne über die Wange kullerte, und drückte tröstend ihre Hand. Josy hatte ihre Großtante Feodora nie persönlich kennengelernt, wusste aber, dass ihre Mutter und sie sich regelmäßig Briefe geschrieben hatten. Die Tante war in den letzten Jahren als Hoteltesterin oft auf Reisen gewesen und hatte nach dem Sieg bei einem Billardturnier das Zeitliche gesegnet. Was ihren Sohn allerdings wenig zu kümmern schien.
Verstohlen schaute Josy zu Edward, der trotz des traurigen Anlasses völlig ungerührt mit seinem teuren Handy spielte. Auf der anderen Seite des Schreibtischs drehte Notar Speckleton seinen großen ledernen Chefsessel zur Seite. Immer noch hielt er die Fernbedienung wie ein Schwert von sich gestreckt, wohl, damit der Fernseher ja nicht muckte.
Notar Speckleton war der Testamentsvollstrecker und außerdem ein alter Freund der verstorbenen Feodora. Alt im wahrsten Sinne des Wortes, dachte Josy. Mit seiner Glatze und den drei Haarsträhnen, die fein säuberlich quer über seinem Kopf lagen, wirkte er auf sie wie aus dem vorigen Jahrtausend. Sie schätzte ihn auf mindestens achtzig Jahre. Auch weil es ihn einige Mühe gekostet hatte, den Videorekorder überhaupt zum Laufen zu bringen, und
Videorekorder waren ja nun wirklich vorsintflutlich.
Josy wandte ihren Blick wieder dem Fernseher zu. Das Bild zeigte eine lächelnde Tante, die sich eine graublaue Locke ihrer dauergewellten Haarpracht aus dem Gesicht strich. Gekleidet war sie in einen roten Kimono mit großen lilafarbenen Schmetterlingen. Josy konnte sich das Lachen über diese gewagte Farbkombination kaum verkneifen, während die Tante fortfuhr: “Ich bin sicher, ihr habt mir eine schöne Beerdigung ausgerichtet. Also lasst uns über euer Erbe sprechen.”
Josy hörte den leisen Spott in ihrer Stimme, als sie sagte: “Edward, du hast mehr als einmal versucht, mich davon zu überzeugen, dir Pyeville Manor zu überschreiben und ins Seniorenheim zu ziehen …”
That would have been best for all of us”, knurrte Edward leise. Dank seiner Mutter Feodora, die ursprünglich aus Deutschland stammte, war er zweisprachig aufgewachsen und beherrschte die deutsche und die englische Sprache. Im Gegensatz zu Feodora weigerte er sich aber aus Prinzip, Deutsch zu sprechen. “Das hat mich natürlich stutzig gemacht”, fuhr Tante Feodora fort. “Und ich hege die Vermutung, dass du Pyeville Manor schnellstmöglich verkaufen willst. Deshalb habe ich das Anwesen dir, mein lieber Sohn …” Tante Feodora machte eine kleine bedeutungsvolle Pause und zwinkerte vergnügt, als sie sagte: “… natürlich nicht vererbt, sondern deiner Cousine Sabine.”
Edward, der sich schon vor Freude die Hände gerieben hatte, schaute ziemlich bedröppelt drein. Josy sah, dass ihrer Mutter vor Verblüffung der Mund offen stand.
Die Tante sprach schon weiter: “Sabine, ich glaube, du kannst das Anwesen und die Villa besser gebrauchen als Edward, der es ja durch seine Hotels bereits zu einem ansehnlichen Vermögen gebracht hat. Du hast mir einmal erzählt, du würdest gerne ein Bed and Breakfast eröffnen. Nun, das ist deine Gelegenheit. Zwar muss die Villa gründlich auf Vordermanngebracht werden, aber mit ein wenig gutem Willen kannst du sicher ein wahres Schatzkästchen daraus machen. Und falls du zufällig einen Schatz darin finden solltest, darfst du ihn natürlich behalten.” Tante Feodora lachte glucksend. “Denn alles, und ich meine wirklich alles, was sich in Pyeville Manor und auf dem Grundstück befindet, gehört jetzt dir, meine Liebe. Die einzige Bedingung ist, dass das Haus nicht verkauft wird – es sei denn, es ist aus finanziellen Gründen unbedingt notwendig.”
Josys Mutter schüttelte fassungslos den Kopf.
“Tja, Sabine, ich weiß, damit hast du nicht gerechnet”, sagte Tante Feodora prompt. “Und du, Edward, wohl auch nicht. Zum Trost möchte ich dir, lieber Sohn, mein Sparbuch mit 50 000 Pfund vermachen. Vielleicht hättest du dich zu meinen Lebzeiten nicht nur bei mir sehen lassen sollen, wenn du etwas von mir wolltest. Mein restliches Vermögen in Höhe von 10 000 Pfund ist ebenfalls für Sabine gedacht. So, meine Lieben, ich hoffe, ihr werdet glücklich werden. Vielleicht sehen wir uns in einem anderen Leben oder im Jenseits wieder. Bis dahin – lebt wohl. Tschüsselchen. Und seid nett zu meinem Hausgeist.” Tante Feodora zwinkerte vergnügt und winkte zum Abschied.
Dann wurde der Bildschirm schwarz.
Notar Speckleton legte die Fernbedienung auf den Tisch und räusperte sich. Er hatte lange Zeit in Frankfurt gelebt und genoss es nun, mit seinen Deutschkenntnissen zu glänzen.
Höflich meinte er: “Gerne möchte ich Ihnen noch einmal mein Bedauern über den Verlust Ihrer Tante aussprechen. Wir waren über fünfzig Jahre miteinander befreundet. Sie war eine famose Frau, eine ausgezeichnete Billardspielerin. Leider ist sie viel zu früh von uns gegangen. Ich …”
Good heavens, the old dragon was ninety-four years old”, unterbrach Edward. “It was about time she started pushing up the daisies.”
“Edward!” Sabine war feuerrot im Gesicht. Ob aus Wut oder aus Scham, ließ sich nicht genau sagen. Josy tippte auf Scham, denn ihre Mutter neigte zum Fremdschämen. Notar Speckleton hingegen wackelte bloß missbilligend mit dem Kopf. In seinem Beruf ist er wohl einiges gewohnt, dachte Josy.
“Der Letzte Wille Ihrer Tante ist in diesem Dokument niedergeschrieben.” Gelassen öffnete Notar Speckleton den vor ihm liegenden Umschlag. “Die Papiere halten noch einmal schriftlich fest, was die Gnädige Ihnen soeben mitgeteilt hat. Nehmen Sie das Erbe an?”
“Pah, what inheritance?”, fluchte Edward. “Let me tell you, Sabine: the house is a dump. You’ll have to spend a fortune on it. I suggest you think twice before you accept.”
“I understand that you’re angry, Edward, and I’m sorry”, erwiderte Sabine. “But I’ve always dreamed of opening a bed and breakfast, and this is my chance. I’m sure the house isn’t as bad as you say; Aunt Feodora was still living there, after all.” An den Notar gewandt, fragte sie: “Where do I sign?”
Notar Speckleton ließ Sabine unterschreiben und händigte ihr die Papiere aus, die sie sorgfältig in ihrer Handtasche verstaute.
Der ärgerliche Blick, mit dem Edward ihre Mutter bedachte, entging Josy nicht.
Vokabelübersicht
manor Gutshof
that das
3 would have been wäre gewesen
4 best das Beste
5 bed and breakfast Pension
Good heavens! Gütiger Himmel!
7 was war
8 about time höchste Zeit
9 started anfi ng
10 pushing up the daisies sich die Radieschen von unten anzuschauen
inheritance Erbe
12 dump Schutthalde
13 will have to wirst müssen
14 fortune Vermögen
15 spend on … für … ausgeben
16 suggest schlage vor
17 you think twice überlegst es dir zweimal
18 before bevor
19 accept annimmst
20 that dass
21 sure sicher
22 as … as so … wie
23 still (immer) noch
24 after all schließlich
25 do I sign unterschreibe ich
 

Leseprobe aus: Detective Invisible – Kommissar Unsichtbar
von Corinna Wieja
ISBN: 978-3-468-20892-8
Illustrator: Jörg Hartmann
Langenscheidt Verlag, voraussichtlicher Erscheinungstermin September 2012

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