Kill your darlings oder was nicht ins Buch gehört

Illustration: Mila Marquis, aus „Simsaladschinn – Die Jagd nach dem Wunschgutstein“, erschienen bei Magellan

In Autorenkreisen kursiert der Spruch „kill your darlings“. Also „Mach deinen Lieblingen den Garaus“. Das klingt hart, ist aber mitunter nötig. Dabei bezieht sich das Garausmachen nicht unbedingt auf die Figuren. Es kann sich auch auf Lieblingssprüche, Lieblingsszenen und derlei Dinge handeln, die die Handlung nicht voranbringen. Denn die führen beim Leser zu Nebenwirkungen, zum Beispiel einem Aufstöhnen oder Augenrollen bei der drölfzigsten Wiederholung einer ach so originellen Formulierung. Und auch nicht alles, was man beim Recherchieren so findest, sollte man auf Biegen und Brechen auch im Buch unterbringen. Denn der sogenannte Infodump, oder Infodurchfall sorgt für Langeweile beim Lesen. Und gerade im Kinderbuch ist Langeweile ein absolutes No-Go, wenn man seine Leser behalten will ;-). Daher empfiehlt sich nach dem Schreiben ein Ausdünnvorgang, bei dem man gnadenlos auf Wiederholungen achtet und alles streicht, was die Handlung ausbremst.

Auch bei „Simsaladschinn – Die Jagd nach dem Wunschgutstein“ hatte ich solche Lieblinge, die ich schweren Herzens in die Tonne geworfen habe, weil sie nicht zu den Figuren passten, den Schwung der Handlung aufhielten oder einfach die spätere Handlung auch unlogisch gemacht hätten.

Um eine dieser Lieblingsszenen habe ich ganz besonders getrauert. Ich bin ein Fan des Entertainers Jürgen von der Lippe. Ich mag seinen Wortwitz und seinen Humor. Und so kam ich auf die Idee, dass sich Scha-limms Helfershelfer Malasar, der ja Gestaltwandler ist, in Jürgen von der Lippe verwandeln könnte, um sich Zutritt zu der Pension zu verschaffen, in der Amanda, Jonas und Jessy den Urlaub verbringen. Malasar will Jessys Wunschgutstein klauen, damit Scha-limm aus seinem Teppichdasein erlöst wird.

Die Szene habe ich für dich aus dem virtuellen Mülleimer wieder herausgekramt :-). Hier ist sie:

Oma Anna stand mit einem Mann in buntem Hawaiihemd an der Rezeption. Unter dem Arm trug der Mann einen Teppich.

„Ob das ein Juror ist?“ Jonas stieß Jessy in die Seite.

„Keine Ahnung. Für mich sieht er eher aus wie ein Teppichvertreter.“

„Was ist ein Teppichvertreter?“, fragte Amanda.

„Jemand, der anderem Teppiche verkauft“, erklärte Jonas.

„Ah, Teppichverkäufer haben wir in Rubinien auch.“ Amanda nickte verstehend.

Oma Anna reichte dem Mann einen Zimmerschlüssel. „Irgendwie kommen Sie mir bekannt vor. Sie sehen aus wie der Dings, nach wie heißt er doch gleich. Dieser Dings aus dem Fernsehen, dieser Komiker.“

„Oh, danke.“ Der Mann strich sich mit der Hand durch den Vollbart. Er hatte eine bärentiefe Stimme. „Aber der bin ich nicht. Leider.“ Ein trauriger Zug hing plötzlich um seinen Mund.

„Ja, also dann, Herr …“ Oma Anna schaute auf den Anmeldezettel. „… Nacki. Ein wirklich ausgefallener Vor- und Nachname.“ Sie lächelte. „Hier ist Ihr Schlüssel. Sie haben das Kamillezimmer im ersten Stock, zweite Tür links. Soll ich Sie begleiten?“

„Nein, danke, das finde ich schon“, erwiderte der Mann und wandte sich zur Treppe.

„Oh, haben Sie denn keinen Koffer?“, fragte Oma Alli.

„Ach der, der kommt nach“, sagte der Mann schnell.

„Gut, dann kommen Sie doch um drei zu uns ins Aufenthaltszimmer. Ich habe einen bunten Nachmittag vorbereitet.“

„Gerne.“ Der Mann verbeugte sich und verschwand.

Oma Alli wandte sich den Kindern zu.

„Ein bunter Nachmittag? Malen wir da alles an?“, fragte Amanda.

„Nein, das heißt nur so. Ich dachte, die Gäste können Abwechslung vertragen. Ich hab deshalb Kaffee und Kuchen vorbereiten lassen und jeder, der mag, kann was aufführen.“

„Was aufführen?“ Amanda blickte verdutzt.

„Ja, eine Zaubernummer, singen, tanzen, so was halt.“

„Ah, wie bei der Superdschinn“, sagte Amanda.

„Du meinst wohl, bei das „Supertalent“, korrigierte Jessy rasch.

„Ja, das auch.“ Amanda grinste.

Tja, rückblickend gebe ich zu, das ist nur bedingt witzig und der Humor ausbaubar. Auch meine Figuren waren mit dieser Szene nicht einverstanden. Malasar fand es besser, wenn er sich heimlich ins Haus schleicht. Und so hat sich der Handlungsverlauf grundlegend geändert. Eine gute Entscheidung, denn dadurch wurde die Geschichte spannender und actionreicher.

Ja, man soll eben ab und zu auf seine Figuren hören. :-)