Schreibblockade?! Ab in die Badewanne …

In ihrem Blog PR-Doktor hat Kerstin Hoffmann zur „Blogparade gegen die Schreibblockade“ aufgerufen.
Dieses Thema ist mir als Autorin und Übersetzerin aus leidiger Erfahrung nur allzu gut bekannt. Alle paar Monate erwischt es mich wieder – wie die alljährliche Erkältung – ganz unverhofft. Vorzugsweise am Anfang eines neuen Projekts. Mit Feuereifer habe ich recherchiert, die Idee ausgearbeitet, Stichworte notiert. Jetzt muss ich eigentlich nur noch anfangen zu schreiben. Doch genau das will nicht klappen. Ich sitze vor dem weißen Computerblatt, starre wie ein Zombie drauf und werde ganz hibbelig, weil plötzlich so gar nichts mehr geht. Stattdessen überkommt mich der unwiderstehliche Drang, die Fenster zu putzen, den Keller auszumisten – ach ja, und wollte ich nicht schon immer mal die Fugen im Bad mit der Zahnbürste reinigen? Alles, bloß nicht schreiben.

Der innere Kritiker
Inzwischen glaube ich, herausgefunden zu haben, woran das liegt. Schuld daran ist meine innere Kritikerin, die behauptet, dass mein Geschreibsel eh nur Mist werden kann. „Wozu braucht es überhaupt noch ein Buch, noch einen Text, und dann auch noch ausgerechnet von dir. Es gibt doch schon so viele gute und die sind bestimmt allemal besser als der Senf, den du zu Papier oder auf den Bildschirm bringst“, meckert sie in meinem Kopf. Und bei rund 80.000 Neuerscheinungen, die der Buchmarkt im Jahr hervorbringt, hat sie damit wohl auch nicht so ganz unrecht. Vorzugsweise überfällt mich die Zweiflerin – liebevoll auch olle Meckerminna genannt – bei Herzensprojekten. Da stelle ich plötzlich jeden Satz, jedes Wort, ja jeden Buchstaben infrage, weil ich eben möchte, dass der Text oder die Geschichte besonders gut wird. Meine Oma hätte diese Zweifelei „Angst vor der eigenen Courage“ genannt ;-).
Der hilfreiche Tipp, den Anfang zu überspringen und einfach irgendwo in der Mitte zu beginnen, funktioniert bei mir leider nicht. Denn auch wenn ich mir Stichworte zu einzelnen Szenen und Kapiteln gemacht habe, ist es immer das Gleiche. Mit den Fingern über den Tasten sitze ich wie ein hypnotisiertes Kaninchen am PC und starre mit leerem Blick und noch leererem Kopf auf den Bildschirm und zermartere mir das Hirn über den ersten Satz. Aus irgendeinem unerfindlichen Grund ist mein Gehirn so konzipiert, dass es Geschichten und Texte gern chronologisch von Seite 1 bis Seite wie-viel-auch-immer abarbeiten möchte.

3 Strategien gegen Schreibblockaden
Damit ich trotzdem vorankomme, habe ich für mich einige Strategien für den Notfall entwickelt.

1. Abgabetermin: Der wirkt wirklich Wunder. Sobald ich einen Abgabetermin habe, bin ich so motiviert, dass sich der Text fast von selbst schreibt. Habe ich keinen Abgabetermin, weil beispielsweise kein toller Verlag auf mein wunderbar originelles, neues Kinderbuchprojekt wartet ;-), setze ich mir einfach selbst einen.

2. Wenn die Abgabeterminstrategie versagt, kommt die Schlechtschreibenstrategie dran. Zunächst einmal beschimpfe ich die olle Meckerminna auf dem Papier mit den drolligsten Schimpfwörtern und Flüchen, die mir einfallen. „Du käsequantiger Stinkstiefel“ und „kreuzkümmeliger Stinkmorchelmist“ sind da noch die freundlichsten. Das klingt jetzt ziemlich albern, aber wundersamerweise hilft es mir. Meist ist danach der Knoten geplatzt und der Text fließt.

3. Gelegentlich komme ich aber auch damit nicht weiter. Dann versuche ich es mit der „Weg-vom-Bildschirm-Strategie“. Raus aus dem Arbeitszimmer, weg vom Schreibtisch. Stattdessen lümmele ich mich bequem zum Schreiben auf dem Sofa oder mache es mir in der Küche bei einer Tasse Kaffee gemütlich; im Sommer auch gerne im Garten. Wenn ich den Textanfang per Hand in ein schönes Notizbuch oder auf einen Block schreibe und ab und zu zur Gedankenanregung am Bleistift kaue, ist die olle Meckerminna verwirrt. Vermutlich denkt sie sich: „Ach, so ernst kann es ihr mit dem Text ja nicht sein, wenn sie nicht im Arbeitszimmer hockt.“ Und sie gibt Ruhe. Dieser Perspektivwechsel – anderes Zimmer, anderes Schreibmittel – setzt bei mir die Schreibneuronen fast immer erfolgreich in Gang.

Wenn gar nichts mehr geht – die Schreibblockade wegspülen
Allerdings gibt es auch Zeiten, da ist es wie verhext und der Schreibfluss will sich einfach nicht einstellen. Oder, noch schlimmer – die überwundene Schreibblockade kommt wieder. Meist in der Mitte des Projektes. In solchen hartnäckigen Fällen kann es tatsächlich helfen, die Fenster zu putzen, den Keller auszumisten oder die Fugen mit der Zahnbürste zu putzen. ;-). Weitaus angenehmer ist allerdings ein schönes entspannendes Bad, mit dem ich mir die Schreibhemmung einfach wegspüle. Mein Gehirn arbeitet währenddessen offenbar unbewusst weiter am Text, denn meist sortieren sich die Gedanken bei anderen Tätigkeiten wie von allein.
Als Listenfan schreibe ich mir auch gerne einzelne Stichworte auf, die ich „anfüttere“ und nach der Schneeflockenmethode erst zu Sätzen, dann zu Absätzen erweitere. Schreibt man sich die Stichworte auf Kärtchen, kann man sie prima hin- und herschieben und so den Aufbau des Textes planen. 

Lesen füllt den Wortspeicher auf
Manchmal fühle ich mich innerlich leergeschrieben. Dann hilft es mir, meinen Wortspeicher durch verstärktes Lesen wieder aufzufüllen. Egal was es ist – ob Schreibratgeber, Kinderbuch, Krimi oder ein Fachartikel – beim Lesen eines ganz anderen Textes, der überhaupt nichts mit meinem Projekt zu tun hat, schießt mir oft plötzlich der perfekte Anfang oder die perfekte Formulierung für meinen Text durch den Kopf.
In wirklich hartnäckigen Anfällen von Schreibblockade lasse ich mein Projekt ein wenig schmoren, sage mir „na gut, dann bist du eben noch nicht so weit“, und widme mich den Buch- oder Werbeübersetzungen, die Verlage, Agenturen und Direktkunden bei mir in Auftrag gegeben haben. Aber auch hier sind Schreibhemmungen nicht ausgeschlossen. Manchmal will mir das perfekte Wort, die perfekte Übersetzung zum Haareraufen einfach nicht einfallen, oder meine Übersetzung trifft noch nicht ganz den Ton oder die Stimmung des Originals. Dann kommt dieses Gefühl auf, das bestimmt jeder von uns schon einmal erlebt hat: Dieses „es liegt einem auf der Zunge, aber es will einfach nicht über die Lippen beziehungsweise aus den Tasten fließen“-Gefühl.
In solchen Fällen tippe ich erst mal ein Nonsenswort wie „üzlibürz“ oder „???“ als Platzhalter ein und markiere mir die Stelle, denn ich weiß, irgendwann mitten in der Nacht oder wenn ich in der S-Bahn stehe, beim Einkaufen oder beim Fugenputzen ;-) fällt mir die passende Formulierung ein. Weshalb es sich auch empfiehlt, immer und überall einen Block dabei zu haben, damit sich solche Geistesblitze nicht still und heimlich wieder verflüchtigen können.

Die oben genannten Maßnahmen sind für mich wie Vitamin C bei Erkältungen – bisher habe ich damit noch jede Schreibblockade überwunden. Bis zum nächsten Mal …