Schulzeugnisse und Zensuren – kein Grund, um sich aufzuregen

Morgen gibt es in der Schule Halbjahreszeugnisse. Die Zensuren wurden vorher in der Klasse bereits mitgeteilt, daher wusste mein Kind schon, was auf es zukommt. Dementsprechend geknickt war es auch, dass es in manchen Fächern „nur“ eine Drei und in einem „sogar“ eine Vier erwarten kann. „Dabei hab ich mich echt doll angestrengt.“

Dass mein Kind durch die Bewertung so demotiviert ist, lässt mein Mutterherz bluten. Eine Drei ist ja nicht schlecht, versichere ich nachdrücklich. Selbst eine Vier bedeutet, dass die Leistung immer noch „ausreichend“ ist. Doch dass andere besser sind, nagt an meinem Kind, und ich verfluche den heimlichen Konkurrenzkampf, den Zensuren unweigerlich auslösen.

Hach ja, in der Grundschule war alles einfacher ;-)

Wehmütig denke ich an die erste Klasse zurück, wo Leistung im Zeugnis noch nicht durch Zensuren bewertet wurde, sondern in kurzen Beschreibungen die individuellen Stärken betont wurden. Auch Schwächen kamen natürlich zur Sprache, aber sie waren stets aufmunternd verfasst: „In Mathematik hast du dich verbessert und in Deutsch findest du immer originelle Formulierungen. Bei den Beschreibungen könntest du jedoch noch ein wenig ausführlicher werden.“ Unter Klausuren stand neben einem Smilie ein „gut gemacht“ oder unter schief gelaufenen Arbeiten ein „Ich weiß, das kannst du besser.“

In den weiterführenden Schulen ist natürlich ein viel größeres Pensum zu bewältigen. Die Kinder haben viel mehr Lehrer und Fächer als noch in der Grundschule. Das macht es sicher nicht so einfach, für jeden Schüler eine Beschreibung der Stärken und Schwächen aufzustellen wie noch in den Grundschulzeugnissen. Außerdem machen Zensuren Leistungen vergleichbar, was ja bei einem Schulwechsel, Studium, für spätere Arbeitgeber, Pisa-Studien und dergleichen durchaus sinnvoll sein mag. Bei einer 2 oder 5 im Zeugnis weiß jeder gleich, wo das Kind steht, während Stärkenbeschreibungen Vergleiche nicht so leicht machen. Und trotzdem …

Pro und Contra Zensuren

Ich fing an, mir mal wieder Gedanken über das Pro und Contra von Zensuren zu machen.

Pro: Gute Noten motivieren. Oft jedenfalls. Wenn sie eine Leistungssteigerung anzeigen.

Contra: Schlechte Noten demotivieren und können den Spaß am Lernen nehmen. Das kann sogar bei „guten“ Noten wie einer Drei passieren, wenn das Kind vorher auf einer Zwei stand und nicht nachvollziehen kann, warum es nun plötzlich für seiner Meinung gleiche Leistung schlechter bewertet wird.

Pro: Zensuren sind wichtig, um einen Leistungsstand widerzuspiegeln und geben Aufschluss, wo man vielleicht ein wenig mehr tun sollte. Sie können Chance und Ansporn sein, sich in bestimmten Fächern mehr zu engagieren.

Contra: Man kann nur mehr tun, wenn man auch weiß, wie. Dazu muss man wissen, wie man lernt. Das ist wichtig, denn wenn man sich müht und müht und (scheinbar) doch nicht voran kommt, wird man sich unter dem Leistungsdruck schnell ausgelaugt fühlen und das nimmt wiederum den Spaß am Lernen und führt wiederum zu einer Verschlechterung der Noten. Berichte über Lerntechniken und Lerntypen gibt es einige im Netz, zum Beispiel hier auf der Website von Lernförderung.

Was ich mir wünsche:

  1. dass es zumindest zusätzlich zu den Zensuren im Zeugnis einen Abschnitt gibt, in dem die individuellen Stärken des Kindes beschrieben werden.
  2. Jedes Kind sollte in seinem eigenen Lerntempo lernen können.
  3. Mehr Lob (von Eltern und Pädagogen), auch wenn etwas nicht so gut läuft, und dass Zensuren keinen Druck aufbauen, von wegen „du musst besser werden“.

Momentaufnahme Zeugnis – Ursachenforschung

Da meine Wünsche bis auf Punkt 3 im Moment aber wohl nicht umsetzbar sind, muss ich mir etwas anderes einfallen lassen, um meinem Kind zu helfen, damit ihm der Spaß an der Schule nicht abhandenkommt. Denn wir alle wissen ja, Zensuren sind lediglich eine Momentaufnahme. Sie spiegeln nur den derzeitigen Leistungsstand der behandelten Themen in den jeweiligen Fächern wider. Gründe für schlechte Noten gibt es viele, abgesehen von dem Grund, dass zu wenig für das Fach gearbeitet wurde ;-). Und die gilt es herauszufinden, denn nur dann weiß man, wo man ansetzen muss, um etwas zu ändern, falls nötig. Das Halbjahreszeugnis ist ja der ideale Moment, um den Karren noch mal herumzureißen. Dazu hilft natürlich ein Gespräch mit den Lehrern und vor allem aber mit dem Kind.

Vielleicht interessiert sich das Kind nicht für das Thema oder es findet den Unterricht langweilig. Tja, blöd gelaufen, könnte man meinen. Denn meistens bauen die Themen ja aufeinander auf. Mir hilft es hier, mich in die Haut meines Kindes zu versetzen. Was würde ich tun, wenn ich was machen muss, was ich totsterbenslangweilig finde (Buchhaltung zum Beispiel ;-)? Mir hilft hier das Setzen von Etappenzielen mit anschließender Belohnung. Meinem Kind vielleicht ja auch.

Vielleicht hat es aber auch den Stoff nicht verstanden. Klassen sind meist groß, das zu bewältigende Unterrichtspensum ebenso, und den Lehrern bleibt oft gar keine Zeit, auf die Einzelnen einzugehen, die vielleicht etwas länger brauchen. Dann helfen womöglich die oben erwähnten Lernstrategien. Vielleicht fand ein Lehrerwechsel statt und der neue Lehrer/die neue Lehrerin setzt andere Maßstäbe. Das kann man durch ein Gespräch mit dem neuen Lehrer/der neuen Lehrerin klären.

Und wenn’s an der mündlichen Mitarbeit hapert?

Für schüchterne Kinder ist es sicher nicht einfach, sich aktiv am Unterricht zu beteiligen. Dazu gehört auch ein gewisser Batzen Mut. Immerhin besteht die Möglichkeit, dass man vor versammelter Klasse vielleicht etwas Falsches antwortet und Gelächter erntet. Puh, der Gedanke an so eine Blamage hält sicher einige davon ab, sich zu melden. Schon Nachfragen kann schwierig sein, weil man ja nicht für dumm gehalten werden wird.

Wir müssen ja nur mal an uns selbst denken, wenn wir vor einem größeren Publikum reden sollen. Ich weiß nicht, wie es dir geht, aber mir fällt das auch nicht leicht und ich hab vor Lesungen jedes Mal gehörig Lampenfieber. Aber das gehört zum Job (und Schülersein ist auch irgendwie ein Job) dazu und es gibt Möglichkeiten, zu trainieren, dass man sicherer wird. Zum Beispiel tief durchatmen und sich zu sagen, dass anderen die Frage sicher auch auf den Lippen liegt und sie sich vielleicht nur nicht trauen, sie zu stellen.

Und auch hier hilft das Setzen von Zielen, zum Beispiel „heute melde ich mich zwei Mal“. Und gleichzeitig dem Kind klarzumachen, dass den Lehrern das Melden auch auffällt, selbst wenn sie nicht drangenommen werden. Um gleich mal dem beliebten Argument vorzubeugen: „Wieso soll ich mich melden? Ich komm ja doch nie dran.“ ;-) Als Eltern können wir das Problem auch am Sprechtag bei den Lehrern ansprechen und sie dafür sensibilisieren.

Das Wichtigste: Stärken stärken

Jeder hat seine ganz eigenen Stärken und Schwächen und das ist gut so. Statt ständig auf die Schwächen zu schielen, sollte man lieber die Stärken stärken. Und genau das tue ich, wenn mein Kind nach Hause kommt. Ich lobe es für die Sachen, die es toll kann und gut gemacht hat. Nicht nur gelegentlich, sondern täglich. Am besten mehrmals. Denn ich finde, in unserer leistungsorientierten Gesellschaft wird viel zu wenig gelobt. Dabei ist Lob das, was uns doch am meisten motiviert und anspornt, finde ich. Und ich behalte im Hinterkopf, dass eine Zensur nur eine Zahl ist, die man zwar beachten, aber nicht allzu wichtig nehmen sollte.